Ladedaten .308 Win - Fox Hunter Classic 150gn N140

  • Nabend,

    ich habe mal eine Frage an die Experten wenn es um bleifreie (solid) Geschosse und Ladedaten geht. Konkret möchte ich eine jagdliche Ladung im Kaliber .308 Win mit Geschossen von Fox (Hunter Classic) in 150gn mit N140 bauen.

    Ich habe bereits einiges zu bestehenden Ladungen gelesen aber auch einiges was mich verwundert. Bis jetzt habe ich immer Ladedaten vom Pulverhersteller genommen und mich dann anhand von GTR oder Quickload orientriert, was auch nie zu Problemen geführt hat und gute Ergebnisse gebracht hat.

    Was mich bei den bleifreien Geschossen etwas stutzig macht, dass eine höhere L6 wohl zu einem Druckanstieg im Vergleich zu einer kleineren L6 führen soll ( Patronenlänge L6 bei Verwendung von bleifreien Geschossen ). Also entgegengesetzt zu dem, was ich bis dato gelernt habe. Kann das jmd. erklären?

    Aufgrund dieser Info, würde ich ungern bestehende Ladedaten von VV bei der L6 anpassen, da ich das Ergebnis nicht abschätzen kann. GTR oder Quickload geht bei einer Längeren L6 auch immer von einem Druckabfall aus, was eine Berechnung nicht wirklich aussagekräftig macht.

    Weiterhin ist da die Sache mit dem Anfangsdruck. Bei GTR werden die Fox Geschosse mit 360+100bar, also 460bar Anfangsdruck berechnet. Bei Quickload mit den aktuellen Geschossdaten auf 250 bar.

    Ähnliches bei den Barnes TTSX Geschossen. Der Online Rechner von VV gibt hier eine Max Ladung von 42,7gr N140 bei den 150er Geschossen an, wobei das PDF mit den Ladedaten im Jahr 2024 und 2025 ( https://www.vihtavuori.com/wp-content/upl…-compressed.pdf ) eine Max Ladung von 45.4Cgr N140 ausweist :krat:.

    Wie macht ihr das mit bleifreien Geschossen? Falls jmd. DEVA Messungen zu den Fox Geschossen in 150gn mit N140 hat, wäre super hilfreich.

    Bitte helft mir mal auf die Sprünge :krat:

  • Die monolithischen Geschosse lassen sich schwerer in den Konus pressen.
    Wenn sie näher an den Konus gesetzt werden, haben sie beim Eintritt weniger Geschwindigkeit, entsprechend weniger Energie oder Trägheit, sodass das einpressen schwieriger geht und es zu Druckspitzen kommt.
    Wenn das Geschoss tiefer gesetzt wird hat es mehr „Anlauf“ und lässt sich leichter bzw. Mit weniger Druckspitzen einpressen.
    Im Experiment leicht mit der Läsereibe und einer Kartofel nachvollziehbar.
    Setze ich die Kartofel direkt an die Klinge, gehts schwer. Mit Anläuft lässt sie sich leicht reiben.

    Zum Anfangsgsdruck:

    Mantelgeschosse haben weniger als monolithische.
    Monologische mit breiten Führbändern (Kupfergeschosse wie TTSX, HDB, …) haben weniger.
    Monolithische mit sehr schmalen Führbändern (idr. Messing wie Sax, LOS, …) haben noch weniger.
    Ich halte die 250 für das LOS für plausibel.

    Mein Vorgehen bei diesen „Sondergeschossen“:

    -hier vertraue ich dem Geschosshersteller mehr als dem Pulverhersteller

    -GRT vertraue ich weniger als bei Mantelgeschossen

    -ich verlade mit Setztiefe nach Angabe von Hersteller oder in Anlehnung an Fabrikmunition. Idr. sehr viel rotationsloser Geschossweg.
    -Ich nehme die Ladedaten vom Geschosshersteller oder extrapoliere aus vergleichbaren Ladedaten

    -Ich vergleiche mit Rezepten und Geschwindigkeiten von Ladedaten, Internetrezepten und Fabrikmunition und messe die V0. Ist die höher als erwartet oder simuliert, ist was faul.

    Glaubt mir nichts, ich habe doch auch keine Ahnung.

    .17 Hornet, .222 Rem., .22 Savage Hi-Power, 7x57R, .308 Win., .30-06 Spring., .30R, 8,5x55, 9,3x62, 9,3 Brennecke, .44 Rem. Mag.

  • Erklärungsversuch einer Druckspitze in einer Schwingenden Gassäule:

    Wenn wir uns den Durchbrand einer Ladung in einer mit Treibladungsmittel gefüllten Hülse in Zeitlupe betrachten, dann haben wir am Anfang einen Geschlossenen Zylinder, wo ein Zündstrahl das Pulver am Hülsenboden beginnt zu zünden.

    Die ersten reagierenden Pulverteile erhöhen die Temperatur und den Druck an der Anfangsseite und es beginnt, dass dieser höhere Druck sich Richtung Geschoss ausbreitet, abprallt und zurückschwingt, während weitere Pulverteile anfangen zu reagieren. In der Hülse wird zwischen Geschossseite und Hülsenboden eine immer schneller Schwingende Druckwelle aufgebaut. Aus der Thermodynamik wissen wir, dass Bereiche höheren Drucks gleichzeitig Bereiche höherer Temperatur sind. Ein höherer Druck und eine höhere Temperatur bewirkt eine schnellere Reaktion der Pulverteilchen in diesem Gebiet. Bei "normalen" Mantelgeschossen bewirkt ein innerer Druck von 30bar eine Bewegung des Geschosses Richtung Lauf. Dort bleibt das Geschoss erst einmal bis ein Druck von 250bar anliegt und der Eintrittswiderstand überwunden werden kann und sich das Geschoss weiter bewegt. Das Volumen vergrößert sich, der Weg bis zur Anschlaggrenze vergrößert sich, die Schwingungsfrequenz beginnt zu sinken. Der Gesamtdruck erhöht sich weiter, das Geschoss wird durch den Lauf getrieben, das Brennraumvolumen vergrößert sich, die Frequenz wird kleiner, der Druck steigt weiter, das Geschoss beschleunigt usw.

    Monosolid Geschosse werden auch bei bei 30 bar in Bewegung gesetzt und stoppen aber aufgrund ihrer Härte länger am Geschossübergang ab. Es bedarf eines deutlich höheren Druckes, um den Übergangswiderstand zu überwinden. (450-800bar)

    In dieser Zeit schwingen verschiedene Gassäulen unterschiedlicher Temperatur, Dichte und Frequenz innerhalb der Hülse. Es kommt zu Interferenzen, die sich gegenseitig abschwächen oder auch massiv verstärken. Diese Verstärkung kann zu einer extrem beschleunigten Reaktion der Pulverteilchen in einem Punkt führen, die eine exponentielle Druckwelle Richtung Hülsenenden schickt, die dort eine extreme Reaktion herbeiführt und zu einem massiven Überdruck führt.

    Das gleiche Phänomen kann auch bei unterladenen Patronen auftreten, wo das Pulver durch die schwingenden Gassäulen an die Enden der Hülse gepresst wird und dort lokal durchzündet.

    Der ganze Prozess ist noch viel detailreicher und komplizierter. Mein Beschreibungsversuch soll eine grobe Veranschaulichung dazu sein. (alle Druckangaben sind beispielhaft und nicht verifiziert, meine Schätzungen)

    Falls mein Beschreibungsversuch zu undurchsichtig sein sollte, kann ein Moderator es gern entfernen.


    Grüße

    JumboHH

    Hört nicht auf das, was ich sage, sondern auf das, was ich meine! Ich hab eh keine Ahnung!

  • Okay, das mit dem "Anlauf" macht durchaus Sinn und lässt natürlich auch einen Druckanstiegt erklären, wenn das Geschoss zu dicht gesetzt wird.

    Danke für die erstklassigen Erklärungen :resp:

    Grundsätzlich messe ich meine Patronenlager immer mit dem Geschoss der Wahl und einer Messhülse aus. Bei meinen ersten Laborierungen (Barnes TTSX Geschoss 150gr) habe ich 74,7mm Max L6 ausgemessen (mit Messhülse + Geschoss im Patronenlager) und auf 73mm gesetzt, also 1,7mm Abstand. Keinerlei Überdruckzeichen vorhanden, die Hülsen gingen ohne Probleme aus der Waffe und die Ladung 2.5gn unter Max Load.

    Gibt es einen Richtwert, wie weit der Abstand bei Bleifreien Geschossen im Minimum eingehalten werden sollte, oder ist das Entsprechend der Geschossform und Materialzusammensetzung immer anders?

  • Leider gibt es keinen "Richtwert". Das ganze Problem ist auch noch nicht vollständig erforscht. Es wird zwar von verschiedenen Stellen untersucht, aber meines Wissen nach gibt es bis heute keine abschließende Beurteilung. Es wurden aber schon vor einigen Monaten Warnungen in Verbindung mit der Verwendung von Mono Solid Geschossen ausgesprochen.

    Ich würde mich grundsätzlich an die Empfehlungen der Geschosshersteller halten. Hier "höre" ich Werte von 1.5mm - 4.0mm Anlauf, je nach Geschossart.

    Hört nicht auf das, was ich sage, sondern auf das, was ich meine! Ich hab eh keine Ahnung!

  • Hallo Jumbo,

    Ich schätze dein Fachwissen, deine Arbeit und deine Ergebnisse.
    Aber dieser Erklärung kann ich schwer folgen.
    Interferenzen verschiedener Gassäulen in einer Hülse und exponentielle Druckwellen sind für mich physikalisch schwer greifbar.

    Aber nähmen wir an, diese Erklärung wäre korrekt und die Druckspitzen basieren auf Interferenzeffekten.
    Dann müsste mehrere Knotenpunkte beziehungsweise Systemlängen geben, die zu Eigenfrequenzen führen, die konstruktive Interferenz bzw. Interferenzkatastrophen erzeugen.
    Also unterschiedliche L6, auch in Bereichen in denen mit mehr Abstand gesetzt ist, würden zu Druckspitzen führen.

    Nach meinem Wissen ist dieser Effekt aber nur in eine Richtung (Geschoss näher an Felder führt zu mehr Druck) und dort halbwegs linear beschrieben, was die Interferenzhypothese entkräftet.

    Gleichzeitig ist der Effekt bekannt, dass an den Feldern anliegende Geschosse zu Druckspitzen führen und ein von den Feldern weg setzen diese Druckspitzen entfernt.
    Wenn wir hier annehmen, dass der „Anlauf“ und die damit einhergehende Kindtische Energie des Geschosses das Losbrechmoment überwindet und so den Einpressdruck senkt, können wir dies auch auf die härteren monolithischen Geschosse übertragen, die aufgrund ihrer höheren Härte einen höheren Einpressdruck aufweisen und das Geschoss daher mehr Energie und entsprechend mehr Anlauf benötigt, um den Einpressvorgang zu überwinden ohne dabei durch abstoppen zu Druckspitzen zu führen.

    Damit könnten beide Szenarien mit dem gleichen Effekt und ohne „exponentielle Druckwellen“ und Interferenz beschrieben werden.

    Glaubt mir nichts, ich habe doch auch keine Ahnung.

    .17 Hornet, .222 Rem., .22 Savage Hi-Power, 7x57R, .308 Win., .30-06 Spring., .30R, 8,5x55, 9,3x62, 9,3 Brennecke, .44 Rem. Mag.

  • Leider gibt es keinen "Richtwert". Das ganze Problem ist auch noch nicht vollständig erforscht. Es wird zwar von verschiedenen Stellen untersucht, aber meines Wissen nach gibt es bis heute keine abschließende Beurteilung. Es wurden aber schon vor einigen Monaten Warnungen in Verbindung mit der Verwendung von Mono Solid Geschossen ausgesprochen.

    Ich würde mich grundsätzlich an die Empfehlungen der Geschosshersteller halten. Hier "höre" ich Werte von 1.5mm - 4.0mm Anlauf, je nach Geschossart.

    Danke, das hilft auf jeden Fall.

    Beim verladen von solid Geschossen machen diese Umstände eine Simulation zur Risikoabschätzung (GTR, Quickload) entsprechend schwierig.

    Zusammenfassend kann man also sagen, dass man sich bei bleifreien Geschossen an die L6 vom Hersteller halten sollte, um Druckspitzen zu vermeiden.

  • Einfach weiter weg von den Zügen setzen. Stell Dir vor Du stehst mit beiden Vorderreifen an der Bordsteinkante und willst rauf fahren. Vollgas, oder lieber etwas Abstand und mit leichtem Schwung?

    Keine Gewährleistung für veröffentlichte Tipps.
    Jeder Wiederlader handelt eigenverantwortlich.

  • Blaser R8

    150gr Fox / L6=68,5mm / Rotationsloser Flug 1,8mm / 43,0gr N140

    Das Schußbild ist meins und der Ausreißer kam vom Schützen.

    Die Meßprotokolle sind nicht von mir, sind aus dem Netz oder von Bekannten.

    Ich habe mit ein und demselben Geschoß auch schon bequem 1,5mm Unterschied im rotationslosen Flug bei nur zwei Patronenlagern gefunden. Das ist also alles nur ein Anhalt.

    Nur wenn die von DIR gemessene Geschwindigkeit mit der vom Beschußamt oder der DEVA übereinstimmt, dann ist der Druck auch derselbe.

    Aber als Orientierung solltest Du jetzt mal stopfen und dann berichten. Viel Erfolg.


    Hornetter

    Ich garantier für nix.

    Jeder ist sich selbst der Nächste.

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