Die Sache hat mir keine Ruhe gelassen. In einem alten US-Handbuch stand noch : "The shelf life of modern powders is practically indefinite." Ich hab gestern noch 10 Patronen 45 ACP aus dem Jahr 1982 verschossen. Pulver Ba9, ZH CCI 300. Waren noch absolut in Ordnung.
Glaube ich sofort. Man sollte da allerdings auch zwischen den "Behältern" unterscheiden.
In einen dicht verschlossenen PE-HD-Kunststoffbehälter kann deutlich schneller und einfacher Gas und Wasser eindringen, als in einen dicht verschlossenen metallischen Behälter. Wenn in der Patrone das Zündhütchen und das Geschoss wirklich sauber rundherum anliegen, dürfte das ein sehr gutes Ewigkeitsbehältnis darstellen.
Plasteflaschen sind aber eben nicht diffusionsdicht.
Je nach Materialstärke geht das schneller oder langsamer, aber natürlich nicht in wenigen Wochen. Deswegen werden übrigens auch in Folien für die Langzeitkonservierung von Chemikalien Alufolien als Zwischenschicht eingezogen, die sind dann wirklich fast gas- und lichtdicht (außer an der Naht).
Je nach Füllstand ist in der Flasche auch noch der Totraum viel größer als in einer Patrone, was mehr zur Verfügung stehende Reaktionsstoffe für eine Begünstigung der Zersetzung bedeuten kann. Denn NC-Pulver ist natürlich nicht hygroskopisch (wird ja auch u.a. mit Wasser gewaschen nach der Herstellung), aber Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind wohl die Faktoren für die Alterung, wenn auch SEHR, sehr langsam... :
Zitat
Humidity in combination with elevated temperature seems to be the most influencing parameter for decomposition of this type. The analyzed propellants seem to be stable even after about 70 years under bad storage conditions.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/prep.201500196
Da gehts aber um einbasige Pulver aus WW2, das hängt immer sehr stark von den verwendeten Stabilisatoren ab!
Wie auch in der anderen Studie zu zweibasigen Pulvern weiter vorne in diesem Thema zu lesen, die sich teilweise viel schneller veränderten.
Der entscheidende Punkt ist der Stabilisator und dessen Lebensdauer.
Ich hatte dazu übrigens auch noch ein längeres Gespräch mit einem Techniker von VV, der übrigens sehr nett und auskunftsfreudig war. War etwas schwierig, weil deren Englisch für mich nicht so einfach zu verstehen war, aber der hatte sich richtig gefreut, dass sich jemand so genau für das Thema interessiert.
Er sagte, die Bilder der alten VV-Pulver zeigen zwar, DASS eine Reaktion stattgefunden hat (die gezeigten Klumpen und Verfärbungen), aber das muss nicht automatisch schon eine kritische zersetzung sein, sondern kann auch erste Primärreaktionen mit Reststoffen zeigen, die noch lange nicht kritisch seien.
Auf meine Frage, wann man dann wirklich vorsichtig sein muss, war seine einfache und abschließende Antwort für die VV-Pulver:
Wenn es kritisch wird, riecht es nach Katzenpisse.
Nicht einfach "sauer", "stechend", nicht "nach Sprit" oder sonstige Sachen, sondern ganz einfach: Nach Katzenpisse.
Dann muss das Pulver auf jeden Fall und immer, ohne irgendwelche Versuche entsorgt werden.
Er sagte selbst, dass das zu Beginn eine subjektive Sache sei, manche Leute riechen das eher, manche später, je nach Toleranz und Ausprägung des Geruchssinnes.
Er meinte aber auch, selbst bei 20 Jahre altem VV-Pulver hätte er, so lange es nicht deutlich wahrnehmbar nach Katzenpisse riecht, keine Bedenken das noch zu verwenden. Man müsse aber auf jeden Fall eine neue Ladeleiter bauen, weil es deutlich träger geworden sein kann.
Das farblich stark abweichende 3N37 könnte auch aus einer frühen Erzeugung stammen, da sie scheinbar anfangs den Graphitierungsprozess noch nicht so gut im Griff hatten. Auch das würde er noch verwenden, so lange es nicht nach Katzenurin riecht.
Mit "Katzenpisse" kann ich deutlich mehr anfangen als mit allgemeinen Beschreibungen wie "sauer" oder "stechend".
Der Geruch von Katzenpisse ist für mich wirklich unverwechselbar, und DAS rieche ich zweifelsfrei auch in kleinsten Mengen.